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Zum 10-jährigen Jubiläum unseres Verein ist im Mai 2016 eine Festschrift erschienen, in der die Geschichte des Centre ab dem Bau der Villa im Jahr 1925 bis 2015 spannend erzählt wird. Sie sind herzlich eingeladen, die Festschrift (124 Seiten, reich bebildert, Hardcover) zum Preis von 12 € zu erwerben. Dazu haben Sie Gelegenheit bei allen Veranstaltungen unseres Vereins Kulturhaus Centre Bagatelle e.V. und zu unseren Bürozeiten (siehe Startseite).

 

Nachfolgend können Sie die spannende Phase der Rettung des Kulturzentrums 2005 - 2007 nachlesen, die bereits im Jahre 2007 verfasst wurde.

 

Von der Privatvilla zum französischen Kulturzentrum


Das im Norden Berlins befindliche denkmalgeschützte „Centre Bagatelle" hat eine bewegte Geschichte hinter sich. 1925 wird es von den Architekten Poser und Bamm als herrschaftliches Landhaus für Herbert Worch, Generaldirektor der Versicherung „Deutscher Herold" und seine Familie gebaut. Als die Kinder erwachsen sind, zieht sich die Familie auf das Familiengut Liepe / Finowkanal zurück und verkauft die „Villa Worch".

 

Deren Besitzer wechseln mehrmals, ehe 1940 die NSDAP das Haus kauft. Im Krieg unbeschädigt geblieben, wird die Villa nach der Flucht der Ortsgruppe der NSDAP vom sowjetischen Ortskommandanten übernommen. Die Sowjets bleiben jedoch nur bis zum 12. Juli 1945. Aufgrund alliierter Vereinbarungen überlassen sie den Bezirk Reinickendorf - und damit dessen Ortsteil Frohnau - den Briten, die ihn an die Franzosen abgeben.

 

1946 richten die Franzosen in der ehemaligen „Villa Worch" in der Zeltinger Straße 6 ein Haus für Offiziere der Alliierten ein und geben ihm den Namen „Cercle la Bagatelle" nach einem im Bois de Boulogne, Paris, im 18. Jahrhundert errichteten Schlösschen. Sie nutzen es zunehmend für Kulturveranstaltungen, bei denen ab 1950 auch deutsche Besucher willkommen sind. Das Haus wird 1956 offizieller Sitz des französischen Kulturzentrums „Centre Culturel de Reinickendorf" und erhält so seinen bis heute bestehenden Namen „Centre Bagatelle". Die französische Bibliothek im ersten Stock wird rege genutzt . Außer Sprachkursen, Lesungen, Film- und Vortragsabenden sowie musikalischen Veranstaltungen finden hier die legendären Sommerempfänge statt, auf denen Franzosen und Deutsche gemeinsam Champagner schlürfen.

 

Im Besitz des Bezirks Reinickendorf

 

Im Mai 1993, vor ihrem Abzug aus Berlin in Folge der deutschen Wiedervereinigung, übergeben die französischen Streitkräfte in einer feierlichen Zeremonie das „Centre Bagatelle" dem Bezirksamt Reinickendorf mit der Auflage, es zukünftig für die kulturellen Belange der Reinickendorfer Bevölkerung und die Fortentwicklung der deutsch-französischen Freundschaft zu halten und weiter zu führen.

 

Nach einer gründlichen Sanierung wird das Haus nun von mehreren Vereinen genutzt, wie der Deutsch-Französischen Association Romain Rolland, dem Verein Deutsch-Französische Partnerschaften, der Deutsch-Französischen Musikschule, dem Kunstverein Centre Bagatelle e.V., der Wladimir-Lindenberg-Gesellschaft, dem Kulturkreis Frohnau und dem Seniorenklub Frohnau. Mit ihren kulturellen Veranstaltungen führen die Vereine die Tradition der Franzosen fort: Es finden klassische Konzerte, Jazzmatineen und Chansonabende, Lesungen, Vorträge, Theateraufführungen, Ausstellungen und sommerliche Kunstfeste in Haus und Garten statt. Um die Nutzung des Hauses kostengünstig für den Bezirk zu gestalten, ziehen zeitweise auch die Polizei und eine Vorschule ein.

 

Da Veranstaltungen jedoch nur stattfinden dürfen, wenn der Hausmeister anwesend ist, und nach einer Arbeitszeitverkürzung für Landesbedienstete seine ohnehin begrenzten Stunden im Centre Bagatelle nochmals reduziert werden, kann das Haus immer seltener genutzt werden und versinkt langsam im Dornröschenschlaf.

 

Der Bezirk Reinickendorf empfindet das denkmalgeschützte Haus als finanzielle Belastung und beschließt im September 2005, es zum 1.1.2006 an den Liegenschaftsfonds zum Zwecke des Verkaufs zu übergeben. Reinickendorf, ein Bezirk mit 230.000 Einwohnern, würde nach Aufgabe des Centre Bagatelle nur noch über ein Kulturzentrum und einen Konzertsaal verfügen, im Norden des Bezirks gäbe es kein Kulturhaus mehr.

 

Bürgerinitiative zur Rettung des Centre Bagatelle

 

Dieser Beschluss empört die Bevölkerung des Reinickendorfer Nordens und weckt ihren Widerstand. Mit allen ihnen zustehenden Mitteln wollen die Bürger den Verkauf ihres mit vielen Erinnerungen und Traditionen verbundenen Hauses an den Meistbietenden verhindern: Sie starten Informations- und Pressekampagnen und Unterschriftensammlungen. In Windeseile entwickeln sie eine Satzung, so dass am 22.10.2005 der Verein „Kulturhaus Centre Bagatelle e.V." gegründet werden kann, mit dem Ziel, das Haus als Kulturzentrum für die Bevölkerung zu retten, zu erhalten und zu führen.

 

Der Vereinsvorstand erarbeitet bis zum 18.11.06 eine „Konzeption zur kostenneutralen Nutzung des Centre Bagatelle" um den Bezirk davon zu überzeugen, das Haus nicht zum Verkauf an den Meistbietenden freizugeben. Er will in Zusammenarbeit mit den bisherigen Nutzern und mit neu gewonnenen Veranstaltern das kulturelle Angebot wieder erweitern, noch weiter ausbauen und die Pflege der deutsch-französischen Beziehungen vertiefen. Er hat vor, das Haus zum kulturellen Mittelpunkt des Reinickendorfer Nordens und des Brandenburger Umlandes zu machen. Neben Einnahmen aus der Vermietung für private Feste soll eine erste Grundfinanzierung durch Mietzahlungen eines christlich-ökumenischen Montessori-Kindergartens gesichert werden, der in die erste Etage einziehen will.

 

Überrascht vom Umfang der Bürgerinitiative (über 1000 Bittschriften), der großen Resonanz in der Presse und der Konzeption des Vereins, beschließt das Bezirksamt, das Haus über den 1.1.2006 hinaus noch ein weiteres Jahr in seinem Besitz zu behalten, um damit den engagierten Bürgern Zeit für die Herbeiführung einer dauerhaften Lösung einzuräumen. Das geplante und bereits angekündigte Bürgerbegehren kann deshalb zurückgestellt werden.

 

Die Bürger übernehmen die Führung des Kulturhauses

 

Ein weiterer Erfolg für den Verein ist der Abschluss einer Nutzungsvereinbarung mit dem Bezirksamt, das ihm für das Jahr 2006 die Führung des Kulturhauses, also Planung, Koordination und Durchführung der vielfältigen kulturellen Veranstaltungen überträgt. Der Verein verpflichtet zwei Hausmeister im 400 €-Arbeitsverhältnis, so dass das Haus endlich nach Bedarf genutzt werden kann und aus seiner erzwungenen Ruhe wieder erwacht.

 

Neben vielen engagierten Bürgern, Schauspielern und bildenden Künstlern werden auch Musiker der Berliner Philharmoniker, der Deutschen Oper und der Universität der Künste gewonnen, sich für den Erhalt des Centre Bagatelle einzusetzen. Sie geben Benefizkonzerte in der Villa, deren Qualität und Niveau weit über die Bezirksgrenzen hinaus strahlen.

 

Konzerte, Lesungen, Vorträge, Ausstellungen, Chor, Theaterabende und Filmvorführungen für Erwachsene, Jugendliche und Kinder finden nun regelmäßig statt. Die Besucherzahl der einzelnen Veranstaltungen verdoppelt und verdreifacht sich. Verstärkt liegt wieder ein Schwerpunkt auf der Förderung der deutsch-französischen Beziehungen. Neue Sprach- und Tanzkurse erfreuen sich ebenfalls großer Beliebtheit. Monatlich findet zudem eine (immer gut besuchte) Informationsveranstaltung zu den Zukunftsaussichten des Centre Bagatelle statt.

 

Jetzt erst recht!

 

Sehr schnell wird klar, dass der Bezirk auch bei Übernahme der laufenden Kosten durch den Verein das Haus nicht dauerhaft halten kann oder will. Um die Schließung des Hauses zum 31.12.2006 zu verhindern, wird der Verein vom Bezirk aufgefordert, das Haus selbst zu erwerben.

 

Für den Kauf des Centre Bagatelle braucht der Verein „Kulturhaus Centre Bagatelle e.V." erhebliche finanzielle Mittel, die er durch die verstärkte Werbung neuer Mitglieder, von Spendern, privaten Darlehensgebern und Sponsoren zu erhalten versucht. Auf jedem Weihnachts-, Frühlings-, Oster- oder Kunsthandwerksmarkt ist der Verein durch einen Stand vertreten. Überall hängen Plakate, werden Beitrittserklärungen und Buttons verteilt, und wird vor allem in Gesprächen zur Hilfe bei der Rettung des Centre Bagatelle aufgefordert. Nach der Ablehnung eines Antrags auf Lottomittel zur Unterstützung des Kaufs wird die Kampagne „Jetzt erst recht" gestartet. Mit viel Einfallsreichtum wird Geld gesammelt, so unter anderem mit der Versteigerung von Antiquitäten und Edeltrödel, von denen sich die Reinickendorfer Bürger für den guten Zweck reichlich trennen.

 

Noch einmal kann das Bezirksamt überzeugt werden, das Haus nicht an den Liegenschaftsfonds zu geben, sondern noch über den 31.12.2006 in seinem Besitz zu halten. Mit Hilfe eines Bankkredites, der Mitgliederbeiträge (von inzwischen über 600 Mitgliedern), sowie Spenden und privaten Darlehen aus der Bevölkerung gelingt endlich der Kraftakt: Der Verein ist imstande, die Summe von € 935.000 für den Kaufpreis und Nebenkosten aufzubringen und kann sich ab 1. Juli 2007 stolz Besitzer des Centre Bagatelle nennen.

 

Ein Ort für alle

 

Der bürgerliche Aufstand, der Kampf um diese der Bevölkerung lieb gewordene Kulturstätte ist von Erfolg gekrönt worden. Durch die Präsenz in der Presse ist das Centre Bagatelle außerdem weit über die Grenzen Frohnaus bekannt geworden, was den Besucherstrom zu den fast täglich durchgeführten Veranstaltungen merklich erhöht hat. Das Haus lebt von der Vielfalt und dem guten Niveau seines Kulturprogramms.

 

Das Centre Bagatelle als Kulturzentrum inmitten Frohnaus verbindet Menschen vom Kindergarten-Alter bis zu Senioren. Gemeinsam mit den anderen Vereinen baut der Verein „Kulturhaus Centre Bagatelle" das Kulturangebot weiter aus. Eine Zusammenarbeit mit der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und dem NABU nimmt im Herbst 2007 seinen Anfang, zusätzlich zu der Fortführung des bereits reichen Veranstaltungsprogramms. Die Pflege der deutsch-französischen Beziehungen soll noch weiter vertieft werden. Das Kursangebot erfreut sich großer Beliebtheit und wird laufend erweitert: Neben der Zusammenarbeit mit dem Institut Français konnte auch die Deutsch-Französische Musikschule (Ecole de Musique de Berlin) als feste Einrichtung für Musikunterricht gewonnen werden. Langsam entwickelt sich das Haus zum kulturellen Mittelpunkt des Reinickendorfer Nordens und des Brandenburger Umlands.

 

Nur durch die private Initiative vieler Bürger ist aus dem Centre Bagatelle endlich das Kulturhaus geworden, das sich viele Bürger schon lange gewünscht hatten. In Würdigung der erfolgreichen Arbeit des Vereins „Kulturhaus Centre Bagatelle e.V." und der Bürgerinitiative ist schließlich auch die Bürgermeisterin von Reinickendorf, Frau Marlies Wanjura, dem Verein „Kulturhaus Centre Bagatelle e.V." im Juli 2007 beigetreten.